Umgang mit Angriffen auf gemeinwohlorientierte Organisationen
Wie kannst du Angriffe erkennen?
Welche Formen von Angriffen gibt es?
Angriffe auf zivilgesellschaftliche Organisationen können unterschiedliche Formen annehmen. Sie richten sich häufig gegen die Arbeit der Organisation, ihre Förderung oder einzelne Mitarbeitende und Engagierte. Die Angriffe reichen von digitaler Hetze über gezielte Täuschung bis hin zu juristischen und parlamentarischen Einschüchterungsversuchen:
- Organisierte kommunikative und mediale Großangriffe: Häufig als „Shitstorm“ bezeichnet, lösen Influencer, Medienaktivist*innen oder Politiker*innen durch tagelange Skandalisierung – oft auf Basis aus dem Kontext gerissener Informationen – Wut, Beleidigungen und Bedrohungen aus.
- Strategisches Auskundschaften: Gezielte Recherchen in öffentlichen Registern, Social-Media-Kanälen oder alten Posts, um skandalisierbares Material oder persönliche Daten über Organisationen und Mitarbeitende zu finden.
- Doxing: Die gezielte Veröffentlichung privater Daten wie Wohnadressen, Telefonnummern oder Geburtsdaten, um Betroffene einzuschüchtern und sie für Drohungen angreifbar zu machen.
- Social Engineering: Das Manipulieren von Menschen durch vorgetäuschte Identitäten (z. B. als angebliche Journalist*innen oder Behördenvertreter*innen), um an sensible Informationen, Kontaktdaten oder interne Abläufe zu gelangen.
- Leaks: Das gezielte Entwenden und Veröffentlichen interner Dokumente, E-Mails oder Chatverläufe, um Organisationen in der Öffentlichkeit zu skandalisieren.
- Desinformation: Das bewusste Verbreiten von Falschbehauptungen, Fakes oder manipulierten Bildern über Projekte, Finanzen oder Engagierte, um Vertrauen zu zerstören und Arbeitszeit durch Abwehr zu binden.
- Einbindung in Verschwörungserzählungen: Die gezielte Einbettung von Organisationen in Mythen (wie „Deep State“ oder „Great Reset“), um deren Wirken als Teil einer angeblich geheimen Elite darzustellen.
- Fake Accounts: Das Erstellen gefälschter Profile in sozialen Netzwerken zur künstlichen Verstärkung von Hetze oder zur Nachahmung von Organisationen und Engagierten, um in deren Namen Falschaussagen zu verbreiten.
- Deep Fakes: Der Einsatz künstlicher Intelligenz zur Fälschung von Stimmen, Bildern oder Videos – inklusive gefälschter Pornografie –, um Betroffene gezielt zu belästigen und aus der Öffentlichkeit zu drängen.
- Anfragen von Medienaktivist*innen: Pseudojournalistische Anfragen oder Straßeninterviews, die nicht dem Erkenntnisgewinn dienen, sondern gezielt Sprache verdrehen, provozieren und Organisationen bloßstellen sollen.
- Parlamentarische Anfragen: Der systematische Missbrauch von Kleinen Anfragen in Parlamentsfraktionen (z. B. zur Projektfinanzierung), um Druck aufzubauen, Daten zu sammeln und Vorstände sowie Förderer zu verunsichern.
- Veranstaltungsanmeldungen und -besuche: Das gezielte Buchen von Tickets oder Unterwandern von Events durch extrem rechte Akteure, um Störungen zu verursachen, Raumnahme zu betreiben oder Aufnahmen zur Diffamierung zu machen.
- SLAPP-Klagen: Rechtsgrundlose oder überzogene juristische Klagen ("Strategic Lawsuits Against Public Participation"), die nicht auf einen Sieg vor Gericht abzielen, sondern darauf, Betroffene finanziell, zeitlich und psychisch zu zermürben.
Woran erkennst du gezielte Angriffe?
Gezielte Angriffe zeichnen sich dadurch aus, dass sie meist nicht zufällig entstehen, sondern einer kalkulierten Dynamik und bestimmten Warnsignalen folgen. Je früher du diese Anzeichen wahrnimmst, desto schneller kann deine Organisation vorbereitet reagieren:
- Synchrone Dynamik über mehrere Kanäle: Ähnliche Vorwürfe, Begriffe oder bestimmte Frames tauchen plötzlich zeitgleich in sozialen Netzwerken, auf Blogportalen und in Messenger-Gruppen auf.
- Verwendung bekannter rechtsextremer Narrative: Die Angriffe nutzen typische Schlagworte wie „Steuergeldverschwendung“, „NGO-Sumpf“ oder den Vorwurf fehlender „politischer Neutralität“.
- Beteiligung bekannter Multiplikator*innen: Der Stein kommt ins Rollen, sobald reichweitenstarke Influencer, rechtspopulistische Plattformen oder Parlamentarier*innen eine Meldung gezielt aufgreifen und teilen.
- Suggestive und manipulative Anfragen: Du erhältst Fragenkataloge von Alternativmedien oder Parteien mit extrem kurzen Rückmeldefristen, die Unterstellungen enthalten und offenkundig auf Skandalisierung statt Aufklärung abzielen.
- Gezieltes Ausgraben alter Inhalte: Veraltete, aus dem Zusammenhang gerissene Zitate, Fotos oder Social-Media-Posts von Engagierten werden plötzlich wieder verbreitet, um Wut zu erzeugen.
- Unübliche Kontaktversuche: Es mehren sich auffällige Telefonanrufe zur Abfrage interner Kontaktdaten, unangemeldete Besuche von Fremden in den Geschäftsräumen oder ungewöhnliche Anmeldezahlen bei deinen Veranstaltungen.
- Plötzliche Welle von Kommentaren: Ein sonst ruhiger Kommentarbereich oder das Postfach wird innerhalb kurzer Zeit von koordinierter Kritik, Spam oder Hassbotschaften überflutet.
Wie kannst du deine Organisation vorbereiten?
Was kannst du im Vorfeld festlegen?
Um im Ernstfall schnell, strukturiert und besonnen zu handeln, solltest du präventiv klare Vereinbarungen und Abläufe in deiner Organisation verankern:
- Zuständigkeiten und Vertretungen: Legt verbindlich fest, wer im Team für das Monitoring, die Dokumentation, die Pressearbeit, das Fällen von Entscheidungen sowie die Kommunikation mit Fördergerbern oder juristischen Stellen verantwortlich ist.
- Kommunikationswege und Notfall-Sprechfähigkeit: Vereinbart klare interne Meldeketten und geschützte Kanäle (z. B. Signal) sowie vorbereitete Kernbotschaften und Sprachregelungen (FAQs), um mit einer Stimme nach außen zu sprechen.
- Schutzmaßnahmen und Sicherheitsregeln: Anforderung von Passwort-Vereinbarungen für die Herausgabe sensibler Daten am Telefon, klare Verhaltensregeln beim Umgang mit verdächtigen Anfragen sowie Routinen zum Schutz von Mitarbeiterdaten (z. B. Privatstellung von Social-Media-Profilen).
- Rote Linien und Handlungsschwellen: Definiert im Vorfeld, ab welchem Punkt eine öffentliche Reaktion notwendig ist (z. B. bei Einbindung großer Medien oder Verunsicherung von Geldgebern) und wann Angriffe bewusst ignoriert werden.
- Hausrecht und Veranstaltungsregeln: Ausformulieren von verbindlichen Ausschlussklauseln und Verhaltensregeln für Veranstaltungen sowie Festlegen von Personen, die das Hausrecht im Notfall durchsetzen.
Welche Informationen solltest du griffbereit haben?
Damit du im Notfall nicht unter Zeitdruck nach wichtigen Daten suchen musst, solltest du dir im Vorfeld eine zentrale Übersicht mit allen relevanten Dokumenten und Kontakten anlegen:
- Interne und externe Kontaktdatenliste: Telefonnummern und Notfallkontakte des Krisenteams, aller Mitarbeitenden, von Rechtsbeiständen, Fachberater*innen gegen Rechtsextremismus sowie von Ansprechpersonen bei Polizei und Landeskriminalamt.
- Unterlagen zur Finanzierung und Projektförderung: Nachweise über Verträge, Zuwendungsbescheide und Ansprechpersonen deiner Förder- und Mittelgeber, um diese bei gezielten Angriffen sofort informieren und beruhigen zu können.
- Vorbereitete Such- und Keywordlisten: Eine Liste mit zentralen Begriffen (Name der Organisation, Namen von Sprecher*innen, Projektnamen, Büro- und Impressumsadressen), um das Online-Monitoring sofort und ohne Zeitverlust zu starten.
- Strukturierte Notfall-Dokumentationsdatei: Eine vorbereitete Vorlage oder ein zentrales Protokoll-Dokument zur systematischen Erfassung von Vorfällen, Screenshots, Links, Daten und Uhrzeiten für spätere Anzeigen oder Rechtsmittel.
- Kommunikationsbausteine und Sprachregelungen: Bereits abgestimmte Texte zu eurer Mission, Antworten auf typische Vorwürfe (FAQs zu Themen wie Finanzierung oder Neutralität) sowie Handreichungen für das Team zum Verhalten am Telefon oder bei Anfragen.
Wie kannst du Engagierte und Mitarbeitende schützen?
Der Schutz der Personen in deiner Organisation hat oberste Priorität, da Angriffe häufig gezielt darauf abzielen, Einzelne einzuschüchtern und aus der Öffentlichkeit zu drängen. Durch präventive Maßnahmen und klare Schutzstrukturen stärkst du die Sicherheit eures Teams:
- Sichtbarkeit und Daten im Netz reduzieren (Self-Doxing): Überprüfe regelmäßig gemeinsam mit dem Team, welche privaten Informationen (Wohnadressen, Telefonnummern, Fotos, Standorte) online auffindbar sind, und veranlasse die Löschung aus Suchmaschinen oder Web-Archiven.
- Auskunftssperre beim Einwohnermeldeamt beantragen: Betroffene oder gefährdete Engagierte können eine Auskunftssperre im Melderegister einrichten lassen, damit private Wohnadressen nicht über einfache Behördenabfragen ermittelt werden können.
- Schutz privater Social-Media-Kanäle: Im akuten Angriffsfall sollten private Profile von Mitarbeitenden und Engagierten temporär auf „privat“ gestellt oder pausiert werden, um keine Angriffsfläche für Doxing oder Social Engineering zu bieten.
- Verhalten bei Kontaktaufnahmen und Social Engineering vereinbaren: Sensibilisiere das Team für Aushorchversuche per Telefon oder E-Mail und lege fest, dass sensible Daten niemals ohne vorher vereinbarte Rücksprache oder Passwortbestätigung herausgegeben werden.
- Klare Trennung von Dienst- und Privatkontakten: Veröffentliche im Impressum, auf Webseiten oder in Pressemitteilungen ausschließlich funktionale E-Mail-Adressen und Büro-Telefonnummern statt privater Erreichbarkeiten.
- Fürsorge und psychosoziale Unterstützung bieten: Schaffe interne Räume zum Austausch, entlaste Betroffene von Moderations- oder Arbeitsaufgaben und vermittle bei Bedarf professionelle Beratung und Hilfe durch spezialisierte Opferschutz- und Beratungsstellen.
Wie kannst du auf Angriffe reagieren?
Wie solltest du Vorfälle dokumentieren?
Eine lückenlose und systematische Dokumentation ist entscheidend, um den Überblick zu behalten, Eskalationen nachvollziehbar zu machen und rechtliche Schritte wie Anzeigen oder Löschanträge erfolgreich einzuleiten. Vorfälle sollten nach klaren Standards gesichert werden:
- Zentrales Protokoll-Dokument anlegen: Richte ein geschütztes, digitales Dokument ein, auf das alle relevanten Teammitglieder Zugriff haben, um dort verdächtige Anrufe, unerwartete Besuche, Briefe oder digitale Vorfälle fortlaufend zu erfassen.
- Wichtige Kerndaten sichern: Halte bei jedem Vorfall das genaue Datum, die Uhrzeit, die betroffene Plattform oder den Kanal, beteiligte Personen sowie den genauen Tathergang fest.
- Rechtssichere Screenshots erstellen: Sichere digitale Beiträge, Kommentare, Nachrichten oder Doxing-Inhalte so, dass der vollständige Text, der Profilname, die eindeutige ID/URL des Absenders sowie Datum und Uhrzeit der Erstellung sichtbar sind.
- Komplette Webseiten lokal archivieren: Nutze für umfangreiche Kommentarspalten oder ganze Artikel Browser-Erweiterungen (wie SingleFile oder Fireshot), um Seiten originalgetreu als HTML oder PDF auf eigenen Datenträgern zu speichern.
- Keine sensiblen Daten in öffentlichen Archiven speichern: Vermeide die Nutzung öffentlicher Web-Archive (wie web.archive.org), wenn bei dem Angriff private Daten, Fotos oder Adressen geleakt wurden, da die Inhalte dort dauerhaft öffentlich einsehbar bleiben.
- URLs und Links sichern: Kopiere die direkten Links zu den betroffenen Posts, Profilen oder Online-Inhalten und lege sie zusammen mit den Screenshots ab, damit Strafverfolgungsbehörden diese später nachverfolgen können.
Wann solltest du rechtliche Unterstützung suchen?
Rechtliche Unterstützung solltest du so früh wie möglich einholen, sobald ein Angriff rechtliche Grenzen überschreitet oder gezielt darauf angelegt ist, deine Organisation zivil-, straf- oder förderrechtlich unter Druck zu setzen. In folgenden Situationen ist juristischer Rat besonders wichtig:
- Bei Straftaten und digitaler Gewalt: Sobald Straftaten wie Beleidigungen, üble Nachrede, Verleumdung, Volksverhetzung, konkrete Bedrohungen oder Doxing (§ 126a StGB) vorliegen, solltest du juristische Hilfe oder Fachberatungsstellen einbinden, um Strafanzeigen zu stellen oder zivilrechtliche Unterlassungsansprüche durchzusetzen.
- Bei Verletzungen von Persönlichkeits- und Urheberrechten: Wenn unwahre Tatsachenbehauptungen, gefälschte Inhalte (Deep Fakes), urheberrechtlich geschützte Materialien oder Fotos von Engagierten ohne Einwilligung verbreitet werden, um Personen oder die Organisation zu schädigen.
- Bei SLAPP-Klagen und rechtlichen Drohschreiben: Sobald Abmahnungen, Anwaltsbriefe oder Klageandrohungen eingehen, die primär darauf abzielen, Ressourcen zu binden und Unsicherheit zu erzeugen, solltest du unverzüglich Anwält*innen konsultieren und keinesfalls voreilig Unterlassungserklärungen oder Schuldeingeständnisse unterschreiben.
- Bei Unklarheiten im Förder- und Verwaltungsrecht: Wenn Anfragen von Parteien oder Behörden eingehen, die Verträge, Verwendungsnachweise oder Fördergelder rechtlich infrage stellen, hilft juristische Beratung dabei, Auskünfte nur im rechtlich notwendigen Umfang zu erteilen und die eigene Position zu sichern.
Wie kannst du Unterstützung und Solidarität mobilisieren?
Sichtbare Solidarität und Vernetzung nehmen Angriffen ihre isolierende Wirkung und machen deine Organisation widerstandsfähiger. Durch gezielte Mobilisierung verwandelst du Angriffe in Gelegenheiten, Zusammenhalt zu zeigen und neue Verbündete zu gewinnen:
- Eigene Community mit klarem Call-to-Action aktivieren: Informiere eure Mitglieder, Unterstützer*innen und Follower*innen transparent über die Angriffe und gib ihnen konkrete Handlungsmöglichkeiten (z. B. Spendenaufrufe für Rechtskosten, das Teilen solidarischer Beiträge oder das Verfassen von Unterstützungsschreiben).
- Netzwerke und Verbündete frühzeitig einbinden: Wende dich an partnerbasierte Initiativen, Vereine, Zivilgesellschaftsbündnisse sowie Schirmherrschaften, um gemeinsam Haltung zu zeigen und Reichweiten zur Aufklärung über die Angriffsstrategien zu bündeln.
- Politische Rückendeckung einfordern: Suche das direkte Gespräch mit demokratischen Abgeordneten auf Bezirks-, Landes- oder Bundesebene sowie mit Ansprechpersonen in der Verwaltung und bei Fördergebern, um die Angriffe politisch einzuordnen und Schutzmechanismen einzufordern.
- Proaktive Presse- und Öffentlichkeitsarbeit nutzen: Tritt mit seriösen Medienkontakten in Verbindung, um die Angriffe als Teil einer systematischen Strategie gegen die Demokratie transparent zu machen und eigene, positive Narrative zu setzen.
- Solidaritätswellen („Candy Storms“) koordinieren: BitTet befreundete Organisationen und reichweitenstarke Multiplikator*innen gezielt darum, in sozialen Netzwerken öffentlich Haltung zu zeigen und eure Arbeit sichtbar zu unterstützen.
- Sichtbare Wertschätzung zeigen: Bedanke dich öffentlich bei allen Unterstützer*innen für entgegengebrachte Solidarität – das stärkt die Gemeinschaft und sendet ein klares Signal nach außen, dass Einschüchterungsversuche wirkungslos bleiben.
Wie gehst du mit Angriffen in der Öffentlichkeit um?
Wie entwickelst du eine passende Kommunikationsstrategie?
Eine durchdachte Kommunikationsstrategie hilft deiner Organisation, bei Angriffen nicht spontan aus Panik zu handeln, sondern besonnen, souverän und zielgerichtet die Deutungshoheit zu behalten:
- Rollen und Befugnisse klären: Lege im Vorfeld genau fest, wer intern für die Krisenentscheidungen zuständig ist, wer ausschließlich nach außen spricht (Sprecher*innen) und wer das Monitoring übernimmt.
- Klare Haltung einnehmen statt rechtfertigen: Übernimm nicht das Framing oder die Begriffe der Angreifenden, sondern betone euren gesetzlich verankerten Auftrag, eure Werte und die Bedeutung eurer Arbeit für das Gemeinwohl.
- Entscheidungskriterien für Reaktionen festlegen: Kläre im Team, wann Schweigen und Aussitzen die bessere Wahl ist (z. B. bei kleinen Wellen) und ab wann eine öffentliche Reaktion notwendig wird (z. B. bei Einbindung von Qualitätsmedien oder Verunsicherung von Geldgebern).
- Einheitliche Sprachregelungen (FAQs) vorbereiten: Erstelle kurze, sachliche Antworten auf typische Angriffslinien und Vorwürfe, damit alle Beteiligten im Ernstfall schnell und abgestimmt kommunizieren können.
- Perspektivwechsel und Muster entlarven: Beantworte nicht nur Vorwürfe, sondern ordne den Angriff politisch ein: Mache deutlich, welche Taktik dahintersteckt und dass es der Gegenseite um Einschüchterung der Zivilgesellschaft geht.
- Eigene Kanäle und Proaktivität nutzen: Binde Stellungnahmen und Hintergrundinfos prominent auf eurer Website ein und nutze bei Bedarf gezielte Pressearbeit oder Community-Aufrufe, um eigene Narrative aktiv zu setzen.
Wie reagierst du auf Falschinformationen und Vorwürfe?
Auf Falschinformationen und Vorwürfe reagierst du am besten strategisch, ruhig und faktenbasiert, um den Angreifenden nicht unbewusst noch mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen. Die folgenden Prinzipien helfen deiner Organisation, die Deutungshoheit zu behalten:
- Prüfen, ob eine Reaktion notwendig ist: Reagiere nicht vorschnell auf jeden einzelnen Kommentar. Wenn ein Vorwurf kaum Reichweite hat, reicht Beobachten oft aus. Sobald jedoch Fördergeber, breite Medien oder breite Netzwerke verunsichert werden, ist eine Richtigstellung wichtig.
- Kein Framing übernehmen: Wiederhole die Falschbehauptung oder die Begriffe der Gegenseite nicht – auch nicht, um sie zu verneinen. Das festigt die Falschinformation im Gedächtnis der Leser*innen.
- Das „Wahrheitssandwich“ nutzen: Bette Falschinformationen strukturell ein:
- Fakten zuerst: Starte direkt mit der wahren Aussage.
- Falschbehauptung benennen: Weise kurz auf den Fake hin, ohne ihn auszuschmücken.
- Fakten bekräftigen: Schließe erneut mit den Tatsachen ab.
- Wasserdicht und sachlich bleiben: Deine Richtigstellung muss zu 100 % faktisch korrigieren und belegbar sein. Korrekturen im Nachhinein schaden der eigenen Glaubwürdigkeit. Bleibe im Ton stets ruhig und professionell.
- Geldgeber und Partner proaktiv informieren: Treten Falschbehauptungen über Finanzen oder Gemeinnützigkeit auf, informiere deine Förder- und Partnerorganisationen proaktiv mit einer kurzen Einordnung. Das schafft Vertrauen und nimmt Angreifenden den Druckhebel.
- Vorbereitete FAQs und Kernbotschaften nutzen: Greife auf vorab abgestimmte Textbausteine zu eurer Arbeit, Finanzierung und euren Werten zurück, um im Notfall schnell und abgestimmt zu antworten.
Wie gehst du mit Angriffen in sozialen Medien um?
Angriffe auf Social-Media-Kanälen verlaufen oft schnell, dynamisch und emotional. Ein kühler Kopf und strukturierte Schritte helfen dabei, die Hoheit über die eigenen Kanäle zu behalten und die engagierten Personen zu schützen:
- Moderationsregeln (Netiquette) konsequent anwenden: Stelle sichtbare Regeln für deine Kommentarbereiche bereit. Belege Verstöße (z. B. Hassespreche, Beleidigungen, Volksverhetzung) sofort mit Konsequenzen wie Löschen, Verbergen, Blockieren oder Melden bei den Plattformen.
- Keine Energie an Trolle verschwenden: Reagiere nicht auf reine Provokationen, Beleidigungen oder koordinierte Empörung, die nur darauf abzielen, Kapazitäten zu binden. Unterscheide klar zwischen sachlicher Kritik und gezieltem Hatespeech.
- Systematisch dokumentieren: Erstelle rechtssichere Screenshots von beleidigenden, bedrohlichen oder verleumderischen Kommentaren (inkl. Name/Profil-URL, Datum und Uhrzeit), bevor du diese löschst oder verbirgst. Das ist entscheidend für spätere Anzeigen oder rechtliche Schritte.
- Kommentarspalten bei Überlastung temporär schließen: Wenn das Aufkommen an Hassnachrichten die Moderationskapazitäten des Teams übersteigt, schalte die Kommentarfunktion vorübergehend ab. Ergänze einen kurzen Hinweis zum Grund der Abschaltung (z. B. Schutz des Teams vor digitaler Gewalt).
- Private Profile schützen: Empfiehl allen betroffenen Mitarbeitenden und Engagierten, ihre privaten Social-Media-Accounts (inkl. LinkedIn) während eines akuten Angriffes auf „privat“ zu stellen, um Doxing und das Abgreifen privater Daten zu verhindern.
- Fake Accounts und Deep Fakes sofort melden: Wenn gefälschte Profile im Namen deiner Organisation oder einzelner Engagierter erstellt werden, sichere die Belege und melde die Accounts unverzüglich bei den Plattformbetreibern zur Löschung.
- Die eigene Community aktivieren: Bitte solidarische Netzwerke, Partnerorganisationen und deine Community darum, Sachlichkeit zu unterstützen oder positive Gegenstatements („Candy Storm“) zu veröffentlichen, um Betroffenen den Rücken zu stärken.
Wo bekommst du Unterstützung?
Wann solltest du dir Unterstützung holen?
Du solltest nicht erst dann Unterstützung suchen, wenn eine Krise voll ausgebrochen ist. Professionelle und solidarische Hilfe ist in jeder Phase eines Angriffs wertvoll – von der Vorbereitung bis zur akuten Belastung:
- Bei ersten Anzeichen und Unsicherheiten: Wenn du ungewöhnliche Anfragen, verdächtige Anrufe, vermehrtes Monitoring durch Gegner*innen oder erste digitale Anfeindungen bemerkst und unsicher bist, wie du diese einordnen sollst.
- Bei akuten Großangriffen und „Shitstorms“: Sobald eine orchestrierte Kampagne in den sozialen Medien oder Medien läuft und die Kapazitäten eures Teams für Moderation, Monitoring oder Kommunikation an ihre Grenzen stoßen.
- Bei rechtlichen Grenzüberschreitungen: Wenn Straftaten vorliegen (z. B. Beleidigungen, Bedrohungen, Volksverhetzung, Doxing), wenn Unterlassungsaufforderungen oder SLAPP-Klagen eingehen oder wenn Verträge und Fördergelder rechtlich angegriffen werden.
- Bei Druck auf Fördergeber und Arbeitgeber: Sobald Angreifende versuchen, Geldgeber, Partnerorganisationen oder Vorgesetzte zu kontaktieren, um Mittel zu kürzen oder Druck auszuüben.
- Bei psychischer und personeller Belastung: Wenn Engagierte oder Mitarbeitende unter Angst, Überforderung oder Erschöpfung leiden, Ziel persönlicher Anfeindungen werden oder Schutz im Alltag benötigen.
- Präventiv in der Planungsphase: Vor der Veröffentlichung sensibler Studien, der Durchführung kontroverser Veranstaltungen oder dem Start größerer Kampagnen, um Bedrohungsanalysen zu erstellen und Notfallpläne abzusichern.
Welche Beratungs- und Anlaufstellen gibt es?
Wenn deine Organisation oder Engagierte in deiner Initiative von Angriffen, Anfeindungen oder Hetze betroffen sind, musst du das nicht allein durchstehen. Es gibt spezialisierte Fach- und Beratungsstellen, die vertraulich, kostenlos und auf Wunsch anonym unterstützen:
- Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus Berlin (MBR): Unterstützt Vereine, Initiativen und Zivilgesellschaft in Berlin bei der Risikoanalyse, der Entwicklung von Gegenstrategien und dem Umgang mit rechtsextremen oder verschwörungsideologischen Anfeindungen.
- OPPANE – Fachstelle für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Berlin (ReachOut): Bietet direkte psychologische, praktische und rechtliche Unterstützung für Betroffene von Angriffen, Bedrohungen und Diskriminierung.
- HateAid: Eine bundesweite Anlaufstelle bei digitaler Gewalt. Bietet Beratung bei Online-Hetzlampagnen, Doxing oder Shitstorms sowie kostenlose Rechtsberatung und Finanzierung von Prozesskosten.
- Civic.net – Aktive gegen Hass im Netz (Amadeu Antonio Stiftung): Berät gezielt zivilgesellschaftliche Organisationen und Vereine zum sicheren Umgang mit Social Media, Community-Management und Strategien gegen Hatespeech.
- Verband der Beratungsstellen für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt (VBRG): Bietet eine bundesweite Übersicht regionaler Opferberatungsstellen, falls die Angriffe über Berlin hinausreichen.
- Meldestellen für Hass im Netz (z. B. Berliner Register oder Meldestelle REspect!): Hier kannst du rassistische, antisemitische oder rechte Vorfälle sowie digitale Hassrede (auch unterhalb der Strafbarkeitsgrenze) dokumentieren lassen und melden.
Wie kannst du ein Unterstützungsnetzwerk aufbauen?
Ein verlässliches Netzwerk aus Partnerorganisationen, Fachstellen und der eigenen Community schützt deine Organisation vor Vereinzelung und stellt sicher, dass du im Ernstfall schnell Rückendeckung erhältst. Ein solides Unterstützungsnetzwerk baust du Schritt für Schritt auf:
- Netzwerke und Allianzen vor Ort knüpfen: Lerne andere lokale Vereine, Bündnisse, Nachbarschaftsinitiativen und zivilgesellschaftliche Organisationen kennen. Ein regelmäßiger Austausch schafft Vertrauen und macht es im Angriffsfall leichter, solidarische Aktionen oder gemeinsame Erklärungen abzustimmen.
- Kontakt zu spezialisierten Fachstellen halten: Vernetze dich frühzeitig mit Beratungsorganisationen (wie der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus oder Opferberatungsstellen). Wenn du diese Ansprechpersonen bereits kennst, kannst du im Krisenfall ohne Zeitverlust auf deren Fachexpertise und Risikoanalysen zurückgreifen.
- Politische Kontakte aufbauen: Suche den Dialog mit demokratischen Abgeordneten auf Bezirks-, Landes- oder Bundesebene sowie mit Vertretern der Kommunalverwaltung und deiner Fördergeber. Informiere sie über eure Arbeit, damit sie die Relevanz deines Engagements kennen und dich bei Angriffen öffentlich oder institutionell schützen können.
- Die eigene Community pflegen und aktivieren: Halte deine Mitglieder, Ehrenamtlichen, Förderer und Follower auf Social Media regelmäßig über deine Mission und aktuelle Herausforderungen auf dem Laufenden. Wer deine Arbeit schätzt, lässt sich im Notfall schneller mobilisieren, um solidarische Nachrichten („Candy Storms“) zu verbreiten oder Spenden zu leisten.
- Verbindungen zu vertrauenswürdigen Medien aufbauen: Pflege Kontakte zu Journalist*innen und Lokalredaktionen. Wenn Medienschaffende deine Organisation und euren Arbeitskontext kennen, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass sie bei Desinformationskampagnen nachfragen und faktenbasiert berichten.
- Gegenseitige Solidarität leben: Ein Netzwerk ist keine Einbahnstraße. Unterstütze andere Organisationen, wenn diese Ziel von Angriffen werden. Wer in ruhigen Zeiten Haltung zeigt und Solidarität schenkt, erfährt diese auch, wenn es hart auf hart kommt.